des Deutschen Aero Club e.V.
Header

Von oben ist die Welt noch ein bisschen spannender!

September 28th, 2016 | Posted by Konstantin Mahler in Frauen im Luftsport | Segelflug

3Es ist nun schon ein Weilchen her, als ich mich nach bestandener Diplomprüfung am Katzentisch in einem muffigen Büro mit zwei grauen Herren wiederfand und mich so gar nicht damit anfreunden konnte, den Rest meines Erwachsenenlebens hier zu verbringen. Da musste es doch noch mehr geben?! Ein Dozent an meiner Fachhochschule hatte hin und wieder vom Segelfliegen erzählt, und irgendwo in der Stadt hatte ich eine Plakatwand mit Bildern von solchen Flugzeugen entdeckt. Beinahe täglich war ich schon als Schülerin am Flugplatz vorbeigekommen. Das ehemalige Militärgelände hinter einem großen Zaun von Gebüsch verdeckt schien mir bis dato uninteressant. Dass man dort mal schnuppern durfte, wusste ich nicht. An einem sonnigen Freitag nach Feierabend radelte ich nach einem langweiligen Bürotag nach Hause, und da waren sie plötzlich über mir: weiße Segelflugzeuge kreisten lautlos am blauen Himmel. Vielleicht war dies genau der richtige Zeitpunkt anzuhalten und doch einmal hinters Gebüsch zu gucken?

Ja, er war’s! Nach zwei Gastflügen entschied ich mich hier mitzumachen. Die Leute waren nett, die Stimmung gut. Zwei Wochen später fuhr mein neuer Segelflugverein ins alljährliche Sommerlager, und so brauchte ich mir gar keine weiteren Gedanken um meine Ferien zu machen. Wir waren damals eine große Gruppe Gleichaltriger und hatten nicht nur viel Spaß am Fliegen und am Lagerleben sondern lauschten abends beim Bier (das mochte ich übrigens gar nicht…) spannenden Geschichten von Flügen weit weg vom Flugplatz. Bis zu meiner A-Prüfung war es noch ein weiter Weg, aber für mich stand damals schon fest: Das will ich auch! Ohne Motor weit weg fliegen, Terrain bestaunen, welches ich bis dahin nur aus der Fahrradperspektive kannte und mir neue Landstriche erschließen.
Nach über 25 Jahren mit Höhen und Tiefen kann ich wohl behaupten, dass mir genau das gelungen ist und immer wieder aufs Neue gelingt. Anfangs schlug ich als frische Lizenzinhaberin mit dem Vereins-Astir einen 40-km Kreis rund um unseren Flugplatz. Immer wieder fand ich mich nach dem Abgleiten meiner Ausgangshöhe irgendwo in diesem Bereich auf einem Acker wieder. Verhext! Wie machen die anderen es bloß, dass sie abends wieder zum Platz zurückkommen?
Nach einem weiteren Urlaub mit etwas erfahreneren Segelfliegerkameraden und einer Freundin, die mittlerweile den Titel einer Deutschen Meisterin innehat, bewerkstelligte ich fortan auch diese Aufgabe. Danach gab es kein Halten mehr, jedes Wochenende fuhr ich mit Herzklopfen auf den Platz. Ob ich heute wohl einen Flieger abbekommen würde? Es klappte nicht immer, aber in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten machten auch die Bodenaufgaben Spaß, und wenn abends jemand zurückkam und stolz von seinem Flug erzählte, freuten sich alle mit. Die anderen wurden kurzerhand vom Außenlandeacker abgeholt. Abenteuer pur!
Einige kleinere Wettbewerbe, eine Damenmeisterschaft, Fliegerurlaube in thermisch guten Regionen (manchmal auch in anderen europäischen Ländern), Fallschirmpacker- und Fluglehrerausbildung und kontinuierliche Mitarbeit im Verein.
Zugegeben, ohne einen Ehemann, der die Leidenschaft mit mir teilte, wäre es über die Jahre wohl nicht so gelaufen. Unsere Kinder wurden zumindest anfangs nicht gefragt…
So vergingen viele Segelflugsommer, bis eines Tages mein Mann von der Arbeit nach Hause kam und fragte, was ich von ein oder zwei Jahren USA halten würde: In dem Moment stand die Frage nach der Segelfliegerei nicht im Vordergrund, denn wir hatten mit drei kleinen Kindern zeitweise ganz andere Prioritäten. Ich fand es einfach nur sehr reizvoll mich mal den alltäglichen Herausforderungen in einer fremden Umgebung zu stellen. Ums kurz zu machen, es wurden am Ende drei spannende Jahre in der Ferne. Segelfliegerisch betrachtet wohl die schönsten bisher in meinem Leben. Dabei waren es nicht nur die faszinierenden, atemberaubenden Flugerlebnisse im Westen der USA. Vor allem die Begegnung mit der dortigen Segelfliegergemeinde, die so ganz anders ist, als das was ich von zu Hause her kannte, machten die „Auszeit“ in Amerika unvergesslich. Alles was ich bis dahin als Flachlandpilotin mit ein paar Stündchen Erfahrung am Hang mitbekommen hatte, musste ich gründlich überdenken. Ich lernte starke Auf- und Abwinde zu beherrschen und flog in den Frühjahrs- und Herbstmonaten mit großer Begeisterung und einer gehörigen Portion Respekt in der Welle über den Rockies. Der ultimative Kick für eine zu dem Zeitpunkt vielleicht schon etwas eingefahrene „alte Häsin“! Ich schrieb über meine Erlebnisse und hatte schließlich das Glück im OLC regelmäßig auch über die Fliegerei anderer Piloten berichten zu dürfen. Mein Horizont weitete sich zunehmend, und so begegneten wir ganz nebenbei Rekordfliegern, besuchten Orte, an die kein Tourist kommt, wie beispielsweise Edwards AFB und die US Air Force Academy. Mit Ehrfurcht genoss ich einige der wohl eindrucksvollsten Landschaften dieser Erde von oben. Ein 1000-km Flug im Arcus mit Jim Payne war das Topping auf vielen kleinen und großen Höhepunkten im „Wilden Westen“. Würde ich in Deutschland jemals wieder Spaß am Segelfliegen haben?
Oh ja, und wie! Bei einem Urlaub in Klix, wo wir schon viel früher einmal gelagert hatten, erfuhren wir schließlich, dass nun der Luftweg auch in östlichen die Nachbarländer offen ist. Flüge übers Riesengebirge, da wo einstmals die Wellenfliegerei entdeckt wurde, öffneten mir die Augen für weitere Perspektiven. Obwohl selbst thermisch unterwegs, stellte ich mir vor, wie sich Piloten wie der Deutsche Wellenforscher, Dr. Joachim Küttner, auf dessen Spuren wir in den Rockies gewandert waren, in den frühen 50er Jahren im bis dahin unerforschten Element an und schließlich über der Schneekoppe zurechtgefunden hatten. Wenn man einmal drin steckt in der Segelfliegergemeinde, trifft man immer wieder auf bekannte Namen und Gesichter. Das fasziniert mich!
Und auch zu Hause ist der ein oder andere Flug bei guten Sichten über Schleswig-Holstein und in den „Wilden Osten“ ein wahrer Genuss! Damit der Kontakt nach USA nicht abreißt, bin ich dort Mitglied der Women Soaring Pilots Association geworden, reise hin und wieder zu deren alljährlichen Treffen und erweitere so stetig meinen Horizont.
Vielleicht hast Du schon einmal etwas im Segelfliegen Magazin, im OLC oder bei Gliding International von mir gelesen? Über die Zeit mit Familie und Fliegerei in den USA berichte ich ausführlich in meinem Buch Big Skies – 1111 Abenteuer im Wilden Westen. Viel Zeit habe ich allerdings jetzt nicht mehr zum Schreiben, denn nicht nur für mein Hobby verdiene ich mir das nötige Taschengeld noch immer in einem Büro, mittlerweile am eigenen Schreibtisch. Meine Kollegen von damals sind sicher schon im wohlverdienten Ruhestand?
Willst Du wissen was mir sonst noch an dem Hobby gefällt? Ganz einfach, die „dritte Dimension“, der Umgang mit den Sinnen, die die Evolution uns Fußgängern vorenthalten hat. Wir sind zwar keine Vögel, aber das Training für ungewohnte Situationen, die es in der Luft zu bewältigen gibt, die (Selbst)Disziplin, der Respekt vor dem anderen Element und das lebenslange Lernen fordern uns Piloten nicht nur im Wettbewerb mit anderen immer wieder aufs Neue heraus. Allzeit einen Plan B in der Tasche haben, das hilft in vielen Lebensbereichen weiter. Vorausschauend denken und immer bei der Sache sein, auch wenn man vielleicht gerade von einem atemberaubenden Blickwinkel überwältigt wird.
Die Segelfliegerei – mit allem was dazu gehört – ist für mich der perfekte Ausgleich zum oft stressigen und zuweilen eintönigen Alltag. Auf dem Flugplatz ziehen alle, auch wenn sie sich vielleicht nicht immer ganz grün sind, an einem Strang.
Das macht Spaß!

Elke Fuglsang-P.

2 1

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 Responses are currently closed, but you can trackback.